Verhütung ohne Pille!

pille

Ich muss gestehen, dass mein Wissen über Verhütung bzw. hormonelle Verhütung und über die verschiedenen Verhütungsmethoden nicht so ausgeprägt war, wie ich dachte. Das habe ich nicht nur im Interview mit Frau Mag. Elisabeth Parzer, Mitarbeiterin des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, erfahren müssen, sondern auch im Gespräch mit Dr. Baumgartner, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Freising. Ihn habe ich während einer Veranstaltung zum Thema Verhütung kennengelernt und als Interviewpartner gewinnen können. Da schluckt man über Jahre Pillen, ohne zu wissen, was genau mit dem Körper passiert, was es noch für Alternativen gibt und vor allem, was man hinterfragen sollte, wenn es um das Thema Verhütung geht.Deshalb kann man nicht oft genug über Verhütung sprechen.

BoudoirDelicious: Lieber Dr. med. Baumgartner, schön, dass Sie sich Zeit nehmen, um mit mir über das Thema Verhütung zu sprechen.

Dr. med. Baumgartner: Sehr gerne. Ist ein wichtiges Thema, über das man nicht oft genug sprechen kann. Vor unserem Interview habe ich mir noch Ihre Seite angeschaut und gratuliere Ihnen zu der gelungenen Umsetzung unser aller Lieblingsthemas.

BoudoirDelicious: Vielen Dank. Freut mich sehr, dass Ihnen mein neues Blogazine gefällt. Nach neun Jahren überwiegend nur über Beauty oder artverwandte Themen zu schreiben, war es an der Zeit, mein Themenspektrum zu erweitern. Und nun gibt es neben BeautyDelicious auch noch ein Blogazine über Liebe, Lifestyle und Genuss.

Dr. med. Baumgartner: Das kommt bestimmt sehr gut an, denn der Bedarf ist ja riesig?

BoudoirDelicious: Ja. Der Zuspruch ist groß. Aber auf der anderen Seite merke ich, wie ausgeprägt die Prüderie ist und viele beim Thema Sinnlichkeit sofort an Sex denken und gedanklich schnell in der Pornoecke sind. Das habe ich unterschätzt: gerade Menschen, die augenscheinlich offen sind, erweisen sich am Ende doch als sehr prüde. In den letzten Monaten ist mir bewusst geworden, wie groß der Gesprächsbedarf in Bezug auf Sexualität ist, aber auch der Bedarf, das Wort Sinnlichkeit etwas zu entsexualisieren. Denn Sinnlichkeit bedeutet, mit allen Sinnen zu genießen und das hat nicht immer etwas mit Sex zu tun.

Dr. med. Baumgartner: Das erleben wir auch täglich seit Jahrzehnten in der Praxis. Das Wissen um solche Themen ist bei meinen Patientinnen dünn ausgeprägt, aber das Interesse ist groß. Jeder hat aber Angst, dass er in die Schmuddelecke abdriftet. Und diese Prüderie wird nicht nur nach außen gezeigt, sondern auch augenscheinlich gelebt. Aber dann, im Verborgenen, wird die Sexualität auf unterschiedlichste Weise zelebriert. Das wundert mich dann immer wieder. Bestes Beispiel ist der Seitensprung. Frauen behaupten in der Öffentlichkeit, sie würden nie fremdgehen und nur die Männer sind die Schweine. Aber in der Praxis erlebe ich das regelmäßig andersherum.

BoudoirDelicious: Sie erleben Seitensprünge insofern, dass die Frauen die Pille danach benötigen?

Dr. med. Baumgartner: Ja. Oder weil sie mich um Rat fragen. Sie haben Probleme in der Partnerschaft und in Ehe oder haben einfach Lust auf Sex mit jemand anderem. Sie vertrauen mir ihren Konflikt dann an, weil sie sich selbst sagen, dass man solche Gedanken nicht haben darf und vor allem diesen Wunsch nicht ausleben darf. Politisch unkorrekt ermuntere ich die Damen, ihrem Bedürfnis nachzugeben und erhalte Wochen oder Monate später meist eine positive Resonanz.

BoudoirDelicious: Das ist ein sehr spannendes Thema. Dazu muss ich sie noch einmal interviewen. Denn gesellschaftlich ist es nach wie vor nicht anerkannt, dass die Frau ihre Sexualität frei ausleben darf, Seitensprünge und eine/n Liebhaber/in hat. Bei Männern wird das seit jeher toleriert und letztlich auch akzeptiert.

Dr. med. Baumgartner: Beim Mann sagt man, er ist ein toller Hengst und die Frau ist gleich die Schlampe. Lach.

BoudoirDelicious: Lach. Es gibt noch viel zu tun und thematisch wird es auch weiterhin nicht langweilig werden. Unsere Wege werden sich auf jeden Fall wieder kreuzen. Aber nun zu unserem Thema Verhütung. Viele wissen gar nicht, wie es zu der Entwicklung der Anti-Baby-Pille kam. Erläutern sie doch bitte einmal den gesellschaftlichen Startschuss.

Dr. med. Baumgartner: 1951 traf die Krankenschwester Margaret Sanger, eine langjährige Aktivistin für das Recht der Frauen, Kontrolle über ihren eigenen Körper zu haben, und die sich dagegen aussprach, Frauen weiterhin als Geburtsmaschine zu betrachten, bei einem Dinner auf den amerikanischen Physiologen Gregory Pincus. Traumatisiert vom Tod ihrer Mutter durch zu viele Schwangerschaften, erzählte sie ihm von ihrem Wunsch nach einer Pille, die Frauen so einfach nehmen können wie eine Kopfschmerztablette und somit nicht mehr der männlichen Sexualität schutzlos ausgeliefert seien, viele Kinder gebären müssten, dadurch in der Armut landen, bei einer der zahlreichen Geburten sterben oder bei einer dieser abstrusen Abtreibungen landen würden. Pincus fand die Idee spannend und nahm die Herausforderung an. Finanzielle Unterstützung für das Projekt gab es von der Frauenrechtlerin und reichen Erbin Katharine McCormick, die Sanger bei einem Vortrag bereits 1917 in Boston kennengelernt hatte und seitdem die von Sanger gegründete American Birth Control League mit Spenden unterstützte. Pincus holte sich noch den GynäkologenJohn Rock ins Boot und gemeinsam nutzen sie das ihnen zu Verfügung stehende Wissen von Chemikern, Biochemikern und Physiologen aus der ganzen Welt und beiden ist es gelungen, das Problem zu lösen. Die Entwicklung ging also von zwei Frauen aus, die Frauen helfen wollten, nicht mehr leiden zu müssen unter einer riesigen Kinderschar, Armut und Tod. An dieser Stelle muss aber auch noch der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberlandt erwähnt werden, der bereits Anfang der 1920er-Jahre das Prinzip der Pille herausfand. Aber durch massive Anfeindungen vonseiten seiner Kollegen, der Kirche und der Politik wählte er 1932 mit 47 Jahren den Freitod und die Forschungen in dieser Richtung kamen dadurch zum Erliegen.

BoudoirDelicious: War die Pille von Beginn an für alle Frauen zugänglich?

Dr. med. Baumgartner: Zunächst haben die Kollegen mit Freiwilligen in Südamerika experimentiert und da war der Run riesig, weil die Frauen es natürlich satthatten, diese riesige Anzahl an Kindern zu gebären. Darauf hat die Kirche massiv gegen die Pille gewettert und ein großer Teil ist wieder abgesprungen. Die wurden dann aber erneut schwanger und dann ging der Run erst richtig los. Noch mehr wollen an den freiwilligen Studien teilnehmen. Aber das war nur die Entwicklungsphase. Als die Pille dann von der FDA 1960 zugelassen wurde auf dem amerikanischen Markt, 1961 dann in Deutschland, war der Zugang erst einmal schwierig, weil durch die sozialpolitischen Umstände Verhütung ein Tabuthema und die Pille nur als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden zugelassen war und als Nebenwirkung war aufgeführt, dass sie die Schwangerschaft verhindert. Nur durch diesen gesellschaftspolitischen Trick kamen Frauen an die Pille, wobei diese für ledige Frauen verboten war, weil ledige Frauen keinen Sex zu haben bräuchten und deshalb auch kein Verhütungsmittel. Diese haben natürlich, von ihren Frauenärzten gedeckt, plötzlich massive Menstruationsbeschwerden entwickelt und kamen so an die Pille. Es hat Jahre gedauert bis sich der Umgang mit dem Thema gelockert hat. Noch 1964 haben in Deutschland über 400  Ärzte und Wissenschaftler im „Ulmer Manifest“ gegen die Pille gewettert, weil sie der Zügellosigkeit der Frau Tür und Tor öffne und damit den Untergang der Gesellschaft einleiten würde.

BoudoirDelicious: Damals wurde die Erfindung der Anti-Baby-Pille als Symbol für die weibliche Selbstbestimmung gefeiert, da Frauen nun die Kontrolle darüber hatten, ob sie schwanger werden wollten und wenn ja, wann und mit wie vielen Kindern. Heute gibt es einen Trend, der die hormonelle Verhütung ablehnt und diese als Bedrohung der körperlichen Authentizität erachtet. Macht sich dieser Wandel bemerkbar und wenn ja, wie?

Dr. med. Baumgartner: Diesen Wandel gibt es. Dahin gehend, dass Frauen sagen: Hormone lehne ich ab. Das ist in etwa so klug wie zu sagen: Ich lehne rote Blutkörperchen ab. Denn Hormone sind auch körpereigene Substanzen. Die Frauen verwechseln zwei Dinge. Verhütung soll ja immer 100 % wirksam sein. Und das geht nicht. Es gibt drei Möglichkeiten, 100 % sicher zu verhüten. 1. Die sexuelle Abstinenz. 2. Die operative Entfernung des inneren Genitales und 3. Die Neuausrichtung der eigenen geschlechtlichen Identität zur Homosexualität. Das wird so im Leben der meisten Frauen nicht funktionieren. Deshalb muss man bereit sein, einen Preis zu zahlen für hochwirksame Verhütung. Und bei den rückgängig machbaren Methoden geht es nicht ohne Hormone, wenn man eine hochkarätige Sicherheit haben möchte. D.h. Frauen, die eine hormonelle Verhütung ablehnen, akzeptieren im Gegenzug eine erhöhte ungewollte Schwangerschaftsrate. Das Problem der körperlichen Authentizität richtet sich dahin, dass die Frauen sagen, sie führen sich von außen Hormone zu und Hormone gelten als Teufelswerk. Und diese Hormone stellen in ihrem Körper unerwünschte Dinge an. Das stimmt tatsächlich. Aber wenn man gegenrechnet, was man mit den Hormonen erreichen will, nämlich nicht schwanger werden, dann können Hormone das höherwertige Gut sein. Ja, hormonelle Verhütung ist ein Eingriff in die körperliche Authentizität, anders kann keine sichere Verhütung geboten werden. Aber das muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Wichtig bei der hormonellen Verhütung ist es, die richtigen Hormone und die richtige Dosierung individuell für die jeweilige Frau herauszufinden. Und weil das oft nicht gemacht wird, haben Hormone so einen schlechten Ruf bei den Frauen.

BoudoirDelicious: Das ist ein spannender Ansatz, der individuell gemixte Hormoncocktail. Denn ich habe das Gefühl, es gibt nur fünf Pillen und dann darf man sich durchtesten und schauen, was dem Körper schmeckt. Entweder es funktioniert oder eben auch nicht. Ein großes individuelles Hormonshaken gibt es nicht.

Dr. med. Baumgartner: Das liegt daran, dass es nicht gemacht wird. Entweder, weil sich die Kollegen keine Zeit dafür nehmen oder haben oder ihnen das Wissen darüber fehlt. Wir haben in Deutschland 36 verschiedene Versionen von hormonellen Verhütungsmitteln. Das ist jetzt nicht besonders viel für einen Spezialisten und die sollte man auf der Pfanne haben. Und man kann ganz fein austarieren, was passt am besten. Die Kollegen tun sich aber oft schwer. Dabei ist es ganz einfach. Wenn eine Frau in die Praxis kommt und nach einer Verhütung verlangt, dann fragt man sie, ob sie eine Verhütung mit oder ohne regelmäßige Blutung haben möchte. Dann fragt sie: „Was, gibt es auch ohne?!“ Klar gibt es das und man bietet ihr dies als Pille, Drei-Monatsspritze, als Oberarmstäbchen oder als Spirale an. Wenn sie lieber eine regelmäßige Periode haben möchte, dann gibt es die Verhütung zum Essen als Pille, zum Kleben als Pflaster und in die Scheide stecken als Ring. Bei diesen einzelnen Systemen gibt es dann noch Abstufungen in der Hormondosierung und in der Zusammensetzung. Da kann man schnell und gut individualisieren.

BoudoirDelicious: Ich merke, dass es da einen großen Gesprächsbedarf gibt, wenn es um das Thema Verhütungsmöglichkeiten geht. Ich habe immer die Pille genommen und kann mich nicht erinnern, jemals etwas anderes als die Pille angeboten bekommen zu haben, als ich noch verhütet habe.

Dr. med. Baumgartner: Sehr wahrscheinlich hat der Kollege oder die Kollegin in die Schublade gegriffen und Ihnen das Muster von dem/der letzten Pharmavertreter/in in die Hand gedrückt und gesagt: Probieren sie mal.

BoudoirDelicious: So in etwa – probieren Sie mal. Dabei wäre Aufklärung so wichtig. Ist das womöglich der Grund, warum Deutschland ein klassisches Pillenland ist?

Dr. med. Baumgartner: Das spielt sicherlich eine Rolle. Kollegen/-innen nehmen diesen Anspruch oft nicht an. Es gab ja sehr lange keine Alternative zu der Pille und sowas setzt sich natürlich fest. Das hat aber auch etwas mit der deutschen Mentalität zu tun. Man kontrolliert gerne alles und hat es im Griff. Da ist die Pille zu nehmen vermeintlich das Sicherste, weil man selber jeden Tag kontrollieren kann, ob man etwas für die Verhütung getan hat. Und dann kommt noch die Aufklärungsmangelsituation meines Kollegiums hinzu.

BoudoirDelicious: Sehen Sie da eine positive Veränderung oder muss noch viel getan werden?

Dr. med. Baumgartner: Da müssen wir noch ganz viel machen. Denn die junge Kollegen, die in meinem Fach nachkommen, sind alles Frauen. Das liegt daran, dass die Frauen bessere Abiturnoten haben, mehr Studienplätze für Medizin bekommen, im Studium fleißiger sind und bessere Examensnoten bekommen. Wenn sie sich dann in der Klink bewerben und der Klinikdirektor ist ein alter Sack, dann können sie sich vorstellen, wen er lieber einstellt: eine schicke junge Dame, anstatt einen Mann. D.h. in den Kliniken gibt es immer mehr Frauen. Die merken aber irgendwann, dass Frauenheilkunde auch bedeutet, nachts aufzustehen, Blut, Urin und Fruchtwasser bis zu den Knien und harte Arbeit. Das wollen sie dann nicht mehr machen und ziehen sich zurück, bevor es in die Oberarztrunde geht. Dann lassen sie sich in einer Praxis nieder wegen der Work-Life-Balance. Dann teilen sich mehrere Frauen eine Praxis und jede ist nur ein paar Stunden in der Woche da. So sammelt man aber keine Expertise und keine Kontinuität. Somit verschwindet das endokrinologische Wissen. Ich bin ja viel in Deutschland unterwegs und halte Vorträge und bin immer wieder schockiert über das nicht vorhandene Wissen meiner meist weiblichen Kollegen und ich befürchte, das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern. Deshalb haben wir, die Presse und ich, viel zu tun, weil mein Kollegium das nicht leisten kann oder möchte.

BoudoirDelicious: Wie sollen sich Patientinnen denn dann informieren, wenn der/die Arzt/Ärztin oftmals gar nicht über das Wissen verfügt, welches wichtig wäre und welches man ja auch voraussetzt? Dann wird man ja irgendwann zum selbstarbeitenden / selbstforschenden Patienten, der sich sein eigenes Wissen aneignet, weil er dem Arzt nicht vertraut und gegebenenfalls mehr weiß als sein Gegenüber.

Dr. med. Baumgartner: Und das ist gefährlich. Zumal viele Frauen gar nicht wissen, was in ihrem Körper vorgeht und die werden durch ihre Selbstrecherche auch nicht immer klüger. Weil sie auch selten auf Informationen stoßen, die dem Stand der Dinge entsprechen. Und bei den Kollegen ist es oft auch so. Bei den Hormonen in der hormonellen Verhütung gibt es genau eine Komponente, die die Schwangerschaft verhütet und das ist die Progesteron-Komponente. Progesteron ist der wichtigste Vertreter der Gestagene (Gelbkörperhormone) und verhindert die Schwangerschaft, sonst nichts. Das Östrogen ist nur drin, damit die Blutung regelmäßig kommt. Das ist den Frauen oft nicht klar, und ich fürchte, auch meinen Kollegen nicht. Deshalb gibt es auch Gestagen-Only-Pills, weil Gestagen allein verhütet. Man hat eben nur keine Periode. Das macht man bei uns gerne in der Stillzeit. Denn Östrogene sollten nicht in der Muttermilch sein. Nach dem Stillen kann man wieder auf eine klassische Pille gehen mit Östrogen, damit man die Blutung wieder regelmäßig hat, die man aber für nichts braucht, außer die Frau hängt daran. Die Östrogene transportieren aber das Risiko einer Pille. Die Progesterone sind per se harmlos. Und nun wird es spannend. Die Progesterone alleine machen die Verhütung und haben null Risiko. Und die Frauen schwören auf ein Präparat mit Östrogen, welches man für die Verhütung nicht braucht, aber ein großes Risiko transportiert, nur damit sie bluten. Irre! Und das muss man ihnen erklären.

BoudoirDelicious: Eigentlich sollte man mit dieser Art der Aufklärung schon in der Schule anfangen, dort kann man Mädchen, aber auch Jungs, abholen und ihnen das nötige Basiswissen mit auf den Weg geben.

Dr. med. Baumgartner: Richtig, da sollte man bildungsmäßig was tun und den Sexualkundeunterricht nicht darauf beschränken, wie man ein Kondom richtig verwendet.

BoudoirDelicious: Wie erklären Sie sich die Renaissance der Kupferverhütung? Und was sind die Vor- und Nachteile dieser Methode?

Dr. med. Baumgartner: Das ist ein schlimmes Thema. Gerade die jungen Frauen, die aufgeklärten Frauen, jubeln und feiern, dass sie jetzt mit Kupfer hormonfrei verhüten. Dabei vergessen sie, dass Kupfer ein Schwermetall ist, welches oxidiert. Und wer schon mal eine langliegende Kupferspirale aus der Gebärmutter herausgezogen hat, so alte Modelle aus dem früheren Ostblock, der weiß, was ich meine. Die sehen verrostet aus, dabei handelt es sich aber um Grünspan und Grünspan ist giftig. Und Kupfer ist kein reines echtes Verhütungsmittel, sondern zum Teil auch ein Frühabtreibungsmittel. Kupfer verhindert nicht immer die Befruchtung der Eizelle. Es verhindert die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle und da sprechen wir von Abtreibung. Kupfer als Schwermetall in der Gebärmutter kann auch dafür sorgen, dass die Blutung länger, schmerzhafter und stärker ist und für mehr aufsteigende Infektionen durch den Faden und für mehr Schmerzsyndrome im Unterbauch. Sie haben also eine Verhütung, die relativ sicher ist, aber mit vielen Nebenwirkung verknüpft ist. Und dann ist ja noch die Kupferkette in Mode, was sehr gefährlich ist. Die wird mit einer Art Angelhakenmethode in der Gebärmutterwand verankert. Die Durchbohrungsrate ist nicht ohne und die Kette muss dann später operativ, durch eine Bauchspiegelung, wieder geborgen werden. Der Kupferball wirkt wegen des Begriffs „Ball“ weich, rund und smooth auf die Frauen, hat aber eine nicht unerhebliche Ausstoßungsrate und es wird dann oft nicht einmal bemerkt, dass er weg ist. Also wenn schon Kupfer, dann die alte Kupferspirale. Aber auch die ändert nichts daran, dass es ein Schwermetall ist. Der Vorteil ist, dass sie billig ist und hormonfrei.

BoudoirDelicious: Wenn man über all diese Nebenwirkungen Bescheid weiß, wie kann diese Verhütungsmethode zugelassen werden?

Dr. med. Baumgartner: Weil die WHO (Weltgesundheitsorganisation) ein Verhütungsmittel braucht, welches weltweit extrem billig und einfach in der Benutzung/Handhabung ist. Die Nebenwirkungen sind denen dann egal. Hauptsache die Geburtenzahl wird reduziert. Und mit Kupfer funktioniert das und es ist kein Medikament, sondern ein Medizinprodukt, weil es hormonfrei ist.

BoudoirDelicious: Was ist der Pearl-Index?

Dr. med. Baumgartner: Der Pearl-Index beziffert das Risiko, mit welcher Verhütungsmethode wird ein Paar, welches diese Verhütungsmethode ein Jahr nutzt, am Ende vielleicht doch schwanger. Also 100 Paare verwenden ein Jahr lang eine bestimmte Methode und wie viele werden im Laufe eines Jahres unter dieser Methode schwanger. Der natürliche Pearl-Index, also wenn man keine Verhütung nimmt, ist 80. D.h. von den 100 Paaren werden 80 schwanger innerhalb von einem Jahr. Bei der Pille liegen wir bei 0,1 – 0,5. Bei Kupfer ist es 1 – 3. Bei einem gut angelegten Kondom ist der Pearl-Index 12 –15. Und daran sieht man, dass die hormonelle Methode die sicherste ist und alles andere ist Spielerei.

BoudoirDelicious: Was ist das Verhütungsparadoxon? 

Dr. med. Baumgartner: Wir haben heute eine hervorragende Palette an hochwirksamen Verhütungsmethoden. Die Zahlen der ungewollten Schwangerschaften und somit auch der Abtreibungen steigen parallel. Wir hatten in Deutschland im letzten Jahr über 100.000 Abtreibungen. Die Zahl ist um 2,5 % angestiegen und das, obwohl die Verhütungsmethoden immer besser, billiger und immer verfügbarer werden. Das ist das Verhütungsparadoxon. Die Frauen haben alles an Wissen, an Zugang und Möglichkeiten und nutzen es bewusst nicht, aus welchem Grund auch immer, landen dann in der ungewollten Schwangerschaft und gehen dann aber ziemlich unbedarft in die Abtreibung. Die wiederum zieht aber ganz andere Probleme sexueller und psychosexueller Art nach sich.

BoudoirDelicious: Die Abtreibung ist aber in den letzten Jahren nicht einfacher gemacht worden. Man muss trotzdem heute noch einen Beratungstermin wahrnehmen, bevor eine Abtreibung durchgeführt werden kann. Kann die gestiegene Zahl damit zusammenhängen, dass Frauen mit dem Thema heute lockerer umgehen und im Hinterkopf haben, dass eine Abtreibung immer möglich ist und somit Verhütung vernachlässigt werden kann?

Dr. med. Baumgartner: Das stimmt und sie unterschätzen dabei die Folgen, sowohl körperlich als auch psychisch. Wir erleben das immer wieder, dass Frauen nach Monaten, Jahren oder sogar Jahrzehnten später von dem Vorgang traumatisiert sind.

BoudoirDelicious: Liegt es daran, dass man ihnen im Vorfeld nicht genau erklärt, was passiert oder, dass sie danach erst realisieren, dass nun kein Fötus mehr in ihnen ist? Was sind die Sachen, die sie in der Praxis erleben?

Dr. med. Baumgartner: Das sind psychologische Probleme, weil sie danach realisieren, dass sie ein Leben zerstört haben. Das hat wenig mit der Aufklärung im Vorfeld zu tun. Die meisten wollen es nicht wissen. Aber sie nehmen eine Sache zu leicht, von der sie nicht wissen, wie sie sich anfühlt.

BoudoirDelicious: Also wäre eine psychologische Begleitung für Frauen, die abtreiben, eine sinnvolle Möglichkeit, um solche Spätfolgen aufzufangen.  

Dr. med. Baumgartner: Das wäre eine gute Idee. Aber man muss anders ansetzen und zwar das Bewusstsein dafür schärfen, dass es hochwirksame Verhütung gibt, damit Frauen erst gar nicht in die Situation einer ungewollten Schwangerschaft kommen müssen und dann nicht wissen, wie man damit umgehen soll. Deshalb muss man immer wieder Aufklärungsarbeit betreiben. Je früher desto besser. In den Schulen, in den Medien, so etwas, was Sie machen, was toll ist, denn so haben Frauen einen viel besseren Einblick, als wenn sie zu uns in die Praxis kommen. Dafür muss die Information, die Sie geben, aber 100 % sicher sein. Deshalb sprechen wir auch heute miteinander. Man muss sie auf den Kanälen erreichen, wo sie suchen. Denn junge Leute kommen nicht zu uns und wenn doch, dann treffen sie vielleicht auf die Kollegen, über die wir vorhin sprachen.

BoudoirDelicious: Sie sind ein Befürworter des Vaginalrings. Was sind die Vorteile gegenüber anderen Verhütungsmethoden?

Dr. med. Baumgartner: Die Frauen haben immer weniger Lust, etwas zu schlucken und das noch jeden Tag. Diese Aufgabe loszuwerden, ist für die Frauen ein Riesengewinn. Für uns ist das Thema ein anderes. Wenn sie eine Pille essen, dann kommt alle 24 Stunden eine Dosis in sie reingebeamt, macht da einen Spitzenspiegel im Blut und dieser Spitzenspiegel, der wieder abebbt, sorgt für die kurzfristigen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Wassereinlagerung etc. Nicht gefährlich, aber unangenehm. Wenn der Ring in der Scheide getragen wird, gibt der ja nicht alle 24 Stunden einen Riesenschuss ab wie die Pille, sondern gibt 24 Stunden eine Mini-Mini-Dosis ab, die immer gleich ist. Somit fallen die Spitzenspiegel weg und der Vaginalring ist besser verträglich. Die sogenannte area under the curve, also die Fläche unter der Kurve, was an Hormonen pro Monat in die Frau reingeballert wird, die ist beim Ring dramatisch kleiner als bei der Pille. Beim Ring umgeht man zudem die erste Leberpassage, seine Hormone gehen direkt über die Scheidenhaut ins Blut und kommen später zwar an der Leber vorbei, aber nicht so geballt. Die niedrigere area under the curve sorgt theoretisch auch für ein geringeres Thromboserisiko. Der Ring ist auch nicht abhängig von äußeren Einflüssen. Bei einer Verhütung, die man schluckt, kann bei Erbrechen, Durchfall, Alkoholexzessen, Drogen und Antibiotika die Wirkungen verloren gehen.

BoudoirDelicious: Welche Wirkstoffe sind im Verhütungsring enthalten und wie wirken sie?

Dr. med. Baumgartner: Im Ring sind, wie bei einer kombinierten Pille, ein Gestagen- und Östrogenanteil vorhanden. Beim Gestagen ist es Etonogestrel, welches dafür sorgt, dass kein Eisprung entwickelt wird und beim Östrogen ist es Ethinylestradiol, dieses ist verantwortlich für einen regelmäßigen Zyklus.

BoudoirDelicious: Wie wird der Ring eingesetzt?

Dr. med. Baumgartner: Der Ring wird wie ein Tampon eingesetzt. Er ist 45 mm im Durchmesser, ganz weich, elastisch und faltbar. Er ist zusammendrückbar und sieht aus wie eine schmale 8. Eben wie ein Tampon. So wird er dann auch eingeführt. Flutscht in die Scheide rein, sucht sich seinen Platz von selber und muss nicht noch eingerichtet werden. Und durch den Kontakt mit der Scheidenwand gibt er durch einen tollen medizin-technischen Trick aus seinen Trägermaterialien seine Verhütungssubstanzen frei.

BoudoirDelicious: Kann der Verhütungsring sofort eingesetzt werden?

Dr. med. Baumgartner: Wenn er direkt im Anschluss einer Pilleneinnahme eingesetzt wird, ja. Üblicherweise warten wir eine Periode ab und starten dann innerhalb der ersten fünf Tage mit dem Ring und haben dann im Laufe des Monats schon eine Verhütung. Der Schutz ist sofort da. Man kann aber auch theoretisch von der Pille sofort auf den Ring wechseln ohne Lücke.

BoudoirDelicious: Ist der Verhütungsring für jede Frau geeignet?

Dr. med. Baumgartner: Der Ring ist theoretisch für jede Frau geeignet, es sei denn, sie hat zehn Kinder geboren und die Lokalverhältnissesind so, dass sich der Ring nicht halten kann. Aber das sind Sondersituationen. Es gibt natürlich auch Frauen, die sich nicht wohl damit fühlen, wenn ihnen etwas eingesetzt wird. Für die ist es also nicht geeignet.

BoudoirDelicious: Kann der Ring für einen regelmäßigen Zyklus und weniger heftige Blutungen sorgen, wenn Frau zum Beispiel Myome in/auf der Gebärmutter hat und dadurch unregelmäßige Menstruation und vor allem sehr starke Blutungen hat?

Dr. med. Baumgartner: Der Vaginalring ist das zyklusstabilste hormonelle Verhütungsmittel, was wir kennen. Also wenn Frauen Schwierigkeiten haben mit der Regelmäßigkeit ihres Zyklus, dann ist der Ring immer eine gute Lösung. Wenn natürlich mechanische Sonderfaktoren dazukommen, wie zum Beispiel die Myome, dann ist der Ring auch irgendwann chancenlos. Aber wenn es alleine darum geht, hormonelle Schwankungen auszugleichen, ist der Vaginalring unerreicht.

BoudoirDelicious: Was kostet der Verhütungsring?

Dr. med. Baumgartner: Zwischen 36 – 45 Euro für eine Drei-Monatspackung. Für sechs Monate ca. 70 Euro. Bis zum 20. Geburtstag wird er, wie jedes andere hormonelle Verhütungsmittel, von der Krankenkasse bezahlt. Der Ring gilt immer als zu teuer. Aber Frauen vergessen, dass eine hohe hormonelle Qualität auch ihren Preis hat. Natürlich gibt es auch Verhütungsmethoden für 3 Euro. Aber die sind möglicherweise von der Gesundheitssituation nicht das Beste. Auch Verhütung gibt es in unterschiedlichen Qualitäten und das Bewusstsein dafür muss man schärfen.

BoudoirDelicious: Hat der Ring Auswirkungen auf die Libido, auf die Stimmung, auf die Haut und/oder auf das Gewicht?

Dr. med. Baumgartner: Jedes hormonelle Verhütungsmittel beeinflusst all das, was Sie aufzählen. Manche Frauen sind da robuster und haben keine Nebenwirkungen. Manche sind so befreit von der Schwangerschaftssorge, dass sie richtig aufblühen. Und dann gibt es die dritte Gruppe, die sich nicht wohlfühlt und Nebenwirkungen hat. Alle drei Gruppen haben Recht und das ist hochindividuell. Deshalb muss man auch in der Auswahl des Präparats, der Dosierung und er Zusammensetzung auf diese Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Es gibt bis heute keine belastbaren Daten, dass die Gewichtsveränderung durch die Pille hervorgerufen wird. Für die Haut gibt es das sehr wohl. Es gibt Pillen, die machen die Haut schön, haben aber das höchste Thromboserisiko. Und den Frauen ist es oft wichtiger, ein bis zwei Pickel weniger zu haben, aber dafür das Risiko einer Thrombose in Kauf zu nehmen. Denen ist das Gefahrenbewusstsein abhandengekommen. Stimmung/Libido ist ein interessantes Thema. Auch da gibt es keine handfesten Daten. Wir wissen aber aus der Psychologie, dass Frauen, die sicher verhüten, weniger Lust auf Sex haben, weil sie unterbewusst wissen, dass sie keinen Sex brauchen, weil sie sich nicht fortpflanzen. Also ein altes evolutionsbiologisches Thema – finde ich auch hochspannend! Sex ist bei uns unterbewusst als Fortpflanzung verankert und wenn das blockiert ist, brauche ich auch keinen Sex. Also auch solche Dinge spielen eine Rolle. Aber wenn wir über den Ring sprechen, so gibt es eine Studie aus Italien, die zeigt, dass der Ring, im Gegensatz zur Pille, die Libido bei Frau und Mann steigert. Die Frauen sagen, er verbessert die sexuelle Performance. Gut, dass Ding ist da drin, gleichzeitig bisschen fest und elastisch und dann zusammen mit dem Penis, eine ganze Industrie lebt von solchen Spielereien. Und die Männer finden es anregend, dass „da unten“ bei der Frau was drin ist und es dadurch so geheimnisvoll wird. Ringpaare haben also laut der Studie mehr Lust am und auf Sex als Pillenpaare. Fand ich ganz witzig.

BoudoirDelicious: Alleine das ist ja schon ein Argument für den Vaginalring! Dr. med. Baumgartner, vielen Dank für dieses Interview mit interessanten Einblicken.

Bild: unsplash



Veröffentlicht am
5. April 2018



Kommentare

  • Ich verhüte schon lange ohne Pille. Vor etwa 12 Jahren bekam in den NuvaRing, auch ein hormonelles Verhütungsmittel, aber etwas geringere Nebenwirkungen als bei der Pille, weil er niedriger dosiert wird.
    Als ich Single war, verzichtete ich aber drauf. Dann hatte ich wieder einen Freund, ging zum Arzt und ließ mir die Pille verschreiben. Natürlich hat er nicht viel dazu aufgeklärt. Zu Hause las ich den Beipackzettel und als ich darin las, dass die Pille das Risiko für Brustkrebs erhöht (neben vielen, vielen anderen schlimmen Nebenwirkungen), entsorgte ich die Packung direkt.
    Seit dem verhüte ich mit NFP und Kondom.

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